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Buchtipp: Otto Bauer und der Austromarxismus

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Buchkritik│http://bruckissammelsurium.blogspot.com

Das Buch bietet eine Mischung aus historischen Analysen und Beiträgen, die Perspektiven linker Politik aufzeigen wollen. Wobei es das Anliegen der HerausgeberInnen ist, „die Abkanzelung des Austromarxismus als Tarnung opportunistischer Politik mittels radikaler Rheotrik durch eine differenziertere Sicht zu ersetzen. Seine Limits werden mit den Grenzen der fordistischen ArbeiterInnenbewegung des vorigen Jahrhunderts in Beziehung gesetzt. Es ist diese Perspektive, aus der sich das Verhältnis von Reform und Revolution für heutige Verhältnisse neu bestimmen ließe.“
Bemerkenswert für ein Werk, das aus dem Umfeld der kommunistischen Tradition kommt, die ersteres stets verfochten hat. In den Beiträgen, die das angesprochene Ziel leisten sollen, wurde dabei hauptsächlich auf bekannte linkssozialdemokratische Ansätze und AutorInnen zurückgegriffen. So Fritz/Derek Weber, der schreibt: „Bauer war – auch wenn er in seiner politischen Taktik und Strategie letzten Endes zu den sozialdemokratischen Reformpolitikern gezählt werden muss – ein Wortführer des westlichen Marxismus, der die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts bewahren und in der sozialistischen Revolution gleichsam aufheben, nicht durch sie abschaffen wollte. Gleichzeitig war er sich darüber im Klaren, dass die ökonomischen Verhältnisse in einem entwickelten Land viel komplizierter waren als im rückständigen Russland.“
Hierbei war es interessant, Giacomo Marramaos Interpretation auf Deutsch (ich hatte ihn bisher mangels Italienischkenntnissen nicht berücksichtigt) zu lesen – auch wenn sein Text, wie am Bezug zur Sekundärliteratur erkennbar, aus den 1970er Jahren stammt.

Die große Stärke des Buchs ist sein Augenmerk auf Aspekte, die in der breiten Austromarxismus-Rezeption der 1960er bis 1980er Jahre unbeleuchtet geblieben sind, wie vor allem die Frauen- und Genderfrage. Ich habe einiges von und über AustromarxistInnen gelesen, aber die v.a. Artikel von Karin Schneider über „frauen- und genderpolitischen Positionen im Austromarxismus“ und von Eveline List über Margarethe Hilferding brachten mir einiges an Neuem und bieten einen wesentlichen Beitrag zur historischen Analyse und Bewertung der österreichische Sozialdemokratie bis 1934.
Der weiters im Band enthaltene Überblick über Arbeiten der jüngeren Vergangenheit (etwa Tommaso La Rocca über Religion, Manfred Bauer über Friedrich Adler) machen das Buch zu einem aktuellen Referenzwerk.

Mehr vom Text auf http://bruckissammelsurium.blogspot.com

Walter Baier / Lisbeth N. Trallori / Derek Weber (Hg.)
Otto Bauer und der Austromarxismus
„Integraler Sozialismus“ und die heutige Linke
(Rosa-Luxemburg-Stiftung Schriften 16)
Berlin 2008 (Karl Dietz Verlag)
301 S.

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Written by austromarxismus

Dezember 12, 2009 at 9:43 pm

Rede von Otto Bauer

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Aus einer Rede von Otto Bauer vom Anfang der 1930er Jahre:

Die Rede von Otto Bauer zur Krise 1929

Eine schwere Wirtschaftskrise lastet auf der ganzen Welt. Immer neue Maschinen sind im letzten Jahrzehnt aufgestellt worden. Immer mehr Rohstoffe bringen die Landwirtschaft und der Bergbau hervor. Aber die neuen Maschinen stehen still. Aber die Rohstoffe bleiben ungenutzt. 15 Millionen Arbeiter und Angestellte lässt die Welt feiern. Millionen Menschen starben, Millionen Mütter können ihre Kinder nicht sättigen, nicht mit dem Notwendigsten versorgen, und dennoch lässt die Welt die Arbeiter feiern, wie wenn man sie nur arbeiten ließe, alles herstellen könnten, was die darbenden[1] Massen entbehren[2]. Abermals erlebt so die Menschheit den ganzen Widersinn der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Die Kapitalisten furchten das dumpfe[3] Grollen der Volksmassen, die sich gegen diese Gesellschaftsordnung auflehnen[4]. Darum wenden sie Millionen und aber Millionen auf, um Gewalthaufen zu organisieren und zu bewaffnen, die die darbenden, grollenden[5] Massen gewaltsam niederwerfen und niederhalten sollen. Die Furcht reichen vor der grollenden Armut krepierten[6] Faschismus. Die Kapitalisten wollen ihre Profite, die die Wirtschaftskrise senkt, auf Kosten der Arbeiter und Angestellten, wieder vergrößern. Dabei sind ihnendie  Gewerkschaften im Wege. Deshalb bemühen sie sich die Gewerkschaften zu zerschlagen. Lohndrücker und Streikbrecher in die Betriebe zu bringen. Wer aber liefert den Kapitalisten den Lohndrücker und Streikbrecher? Die Faschisten, die Heimwehr! Die Kapitalisten wollen die Arbeitslosenversicherung schlagen. Schon liegt im Parlament eine Regierungsvorlage nach der 70.000 Arbeitslosen, Arbeiter und Angestellten die Arbeitslosenunterstützung geraubt werden sollen. Gegen diesen unmenschlichen Plan kämpft die Sozialdemokratie. Die Kapitalisten müssen die Sozialdemokratie niederringen, wenn sie die Arbeitslosen ihre Rechte berauben wollen. Wer soll den Kapitalisten helfen die Sozialdemokratie niederzuringen? Die Faschisten, die Heimwehr. Die größte bürgerliche Partei, die christliche soziale, hat sich den Faschismus in die Arme geworfen. Sie hat die Polizei und Gendarmerie einen faschistischen Minister des Innen überantwortet[7]. Die Faschisten und ihre klerikalen[8] Bundesgenossen müssen wir schlagen, wenn wir die Demokratie sichern wollen. Aber wir wollen die Demokratie nicht nur sichern. Wir wollen sie ausbauen und weiterentwickeln zu einer Demokratie des arbeitenden Volkes im Staat und Land. Schritt für Schritt wollen wir die Quellen des Reichtums, die heute Großgrundbesitzer und Großkapitalisten gehören, in das Eigentum der demokratischen Republik überführen. Planmäßig wollen wir daran arbeiten, dass das Mitbestimmungsrecht der Arbeiterklasse im Staat und im Betrieb gesichert und ausgebaut werde.


Fußnoten

[1] Darbenden = Not leiden; ein unerfülltes Bedürfnis haben; Entbehrungen ausgesetzt sein;

[2] Entbehren = vermissen, fehlen;

[3] Dumpfe = teilnahmslos, passiv, träge, schwerfällig, schläfrig, desinteressiert, sorgend;

[4] Auflehnen = aufmucken, aufstehen, rebellieren, trotzen;

[5] Grollenden = nachtragend, empfindlich, rachsüchtig, zürnend;

[6] Krepierten = elendig sterben, verrecken, abkratzen, ins Gras beißen, Löffel abgeben;

[7] Überantwortet = in Obhut geben, zur Aufsicht geben;

[8] Klerikalen = kirchlich, geistlich, sakral;

Written by austromarxismus

Mai 23, 2009 at 8:26 pm

Veröffentlicht in Otto Bauer

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